Die subjektive Gerechtigkeit: Gespräch mit Sonja Saffer, der Vorsitzenden des ifb-Betriebsrats

Sonja Saffer, BRV des ifb

Betriebsrat bei einem Weiterbildungsunternehmen für Betriebsräte? Ja, das gibt es. Das ifb verfügt schon seit dem Jahr 2000 über eine  Arbeitnehmervertretung.  Bis zu 50.000 Betriebsräte und betriebliche Interessenvertreter lassen sich hier jährlich schulen. Bald ist Sonja Saffer eine von ihnen. Das ist schon ein wenig kurios: Denn sie ist nicht nur die Betriebsratsvorsitzende des ifb, sondern auch noch Referentin für Arbeitsrecht. Anders ausgedrückt: Sie schult Betriebsräte. Ja, warum dann ein Seminar?

Das bräuchte ich beim Thema Recht tatsächlich nicht“ erklärt sie. „Schließlich stehe ich als Juristin seit vielen Jahren vorne am Flipchart und bringe anderen Arbeitsrecht bei. Na ja, seit 2014 haben wir hier auch einen Wirtschaftsausschuss und da bin ich mit an Bord. Wirtschaftswissen, ach du liebe Güte, da fehlts bei mir ein wenig. Die ifb-Kollegin von nebenan hat mir jetzt ihren Kurs „Wirtschaftsausschuss Teil I“ empfohlen.

Sonja lacht und schüttelt den Kopf. Heute ist ein frühlingshaft sonniger Tag. Warme Luft strömt durch das Fenster. Wir sind zum Interview verabredet und treffen uns im Seidl, einem ifb-Besprechungsraum. „Also schieß schon los, was willst wissen?

Sonja Saffer kennt sich im Arbeitsrecht aus. Sie arbeitete als Anwältin und Juristin, bevor sie 2006 als Seminarplanerin zum ifb kam.

In leicht fränkischem Dialekt beantwortet die sympathische Bambergerin unsere Fragen. Die folgenden zwei Stunden erzählt sie von ihrem Job als Planerin, vom Weg in den Betriebsrat und davon, wie sie sich im neuen Amt zurecht gefunden hat.

Es ist erstaunlich. Sieben Jahre war ich Ersatzmitglied und wurde selten herangezogen. Dann kam die Wahl 2014 und ich erhielt die zweitmeisten Stimmen. Da das Gremium von 5 auf 7 Mitglieder erweitert wurde, hatte ich mir kleinere Chancen ausgerechnet. Aber gleich so viele Stimmen und dann die Wahl zur Vorsitzenden?

Sie schnauft leicht. Seit gut einem Jahr ist sie im Amt. Das ist zu kurz, um ein Resümee ziehen. Drei Jahre Amtszeit liegen noch vor ihr. Aber man kann man schon mal ein wenig darüber sagen, wie es denn bisher so war. Zum Beispiel das mit ihren Erwartungen an die neue Aufgabe und ob die eingetroffen sind.

Zuerst hab ich mich gefragt, ob ich das überhaupt schaffe. Ich war hin- und hergerissen zwischen Freude, Gefühlswallunger und nackter Angst.“  Sie nimmt einen Schluck aus der roten Kaffeetasse mit dem ifb-Logo. Dann wird sie präzise: „Das Juristische fällt mir schon ziemlich leicht, keine Frage. Ist ja mein Job. Und auch mit dem Auftreten hab ich nicht so viel Probleme. Ich denke, ich trau mich schon ganz gut, dem Arbeitgeber gegenüber Dinge deutlich anzusprechen. Aber dann wäre da halt noch die Sache mit dieser „konstruktiven“ Kommunikation.“ Sie fängt herzhaft zum Lachen an. „Also Du glaubst ja gar nicht, wie wichtig die ist.

Begeistert schildert sie, wie überrascht sie am Anfang über die Erkenntnis gewesen sei, dass in der Betriebsratsarbeit noch völlig  andere Dinge als Recht eine Rolle spielen. „Natürlich muss man sich mit Gesetzen auskennen. Zuerst dachte ich, mit dem Finger auf den Paragraphen deuten, das muss reichen. Von wegen. Es gibt als Betriebsrat so viel zu berücksichtigen und als Vorsitzende sowieso. Ich hätte nie gedacht, dass Gerechtigkeit ein so unglaublich subjektiver Begriff sein kann.“

Wir fragen nach, wie sie das meint.  „Na ja, früher dachte ich: Nur so ist es gerecht und so nicht. Mein eigenes Empfinden über Gerechtigkeit hielt ich immer für ganz passend. Und jetzt lerne ich, dass es Ansichten darüber gibt, mit denen ich nicht mal im Traum gerechnet hätte. Absolut faszinierend, welche Vielfalt sich da allein schon im eigenen Gremium ergibt.“

Seit zehn Jahre arbeitet sie nun für das ifb. Vorher war sie als Rechtsanwältin tätig und als Juristin in einem großen fränkischen Versandhaus.

Sonja kommt in Fahrt. Es sprudelt nur noch so aus ihr heraus. So kennt man sie im ifb. Aber auch auf ihren Seminaren ist immer Action. Diskussionen liebt sie über alles. „Da locke ich meine Teilnehmer gerne. Mal eine Meinung vertreten, über juristische Sachverhalte in einer Gruppe diskutieren. Wenn sich viele daran beteiligen, kann das super werden.

Und wie ist es im ifb? Wie sieht Betriebsratsarbeit hier aus? „Wir sind mit den gleichen Dingen befasst, wie Kollegen in anderen Unternehmen unserer Betriebsgröße. Am Sitz des ifb in Seehausen arbeiten etwa 130 Kollegen. Wir haben oft personelle Angelegenheiten auf dem Tisch, sollten dringend einige Betriebsvereinbarungen abschließen und führen natürlich Monatsgespräche mit dem Arbeitgeber.“

Den Vorsitz im Betriebsrat habe sie sehr gerne übernommen. Das sei eine tolle Aufgabe, die sie mit Leidenschaft erfüllen möchte. Dabei habe sie ihre festen Aufgaben, die im Gesetz stünden. Ansonsten seien im Gremium alle gleich. Das, so betont sie, sei ihr äußerst wichtig.

Auch ihre Arbeitsfelder haben sich seit letztem Jahr verändert. „Ich musste leider einiges abgeben. Jetzt konzentriere ich mich vor allem auf Seminare für Mitglieder im Aufsichtsrat.“ Die BR-Arbeit beanspruche etwa zwei Tage die Woche. Und Qualitätsbeauftragte für den TüV ist sie auch noch. Sonja stöhnt. Zum ersten Mal wird sie ernster. „Arbeitsbelastung. Das ist ein wichtiges Thema, die Freiräume für die Arbeit als Betriebsrat. So langsam werden wir das hinkriegen, ich für meinen Teil zumindest.“ Wobei der Arbeitsaufwand immer noch steige. Im Gremium gebe es den ein oder anderen Kollegen, für den das zeitmäßig nur suboptimal laufe. „Freiräume, ja. Gerne etwas mehr bitte. Da könnten wir hier im Haus schon noch was dafür tun.

Wir verabschieden uns ganz langsam. Moment, da war noch was. Ob wir denn gar nichts von ihr privat wissen wollen, fragt sie. Aber klar, das hatten wir vor lauter Betriebsratsgeschichten glatt vergessen. „Iss gar net kompliziert“ meint sie in bestem Fränkisch. „Da schreibst bittschön, dass ich gern mei Ruh hab. Und dass ich genusssüchtig bin, Essen und Trinken mog und auch gern einfach nur mal dumm schaug.“

Wie bitte, dumm schauen? Sie lächelt dabei. So kennen wir sie ja gar nicht. Da  hilft es doch zu wissen, dass zumindest in einigen  südlichen Landesteilen dieser Ausdruck als Zeichen der Entspannung durchgehen kann. Und Entspannung, die braucht sie dringend, genauso wie jedes andere Gremiumsmitglied auch. Alles gut somit. Und mit einem freundlichen Lächeln auf dem Gesicht verlässt sie den Raum. Dumm schauen? Nein, nicht die Sonja.

Bildquelle: © ifb

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