Betriebsrat im Spessart: Mit Diplomatie zum Erfolg

Als der Logistiker Günther Pfirrmann vor einigen Monaten die ifb-Fachtagung für Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat in Berlin besuchte, wusste er: Ab jetzt bleibt ihm noch ein Jahr bis zum Ende seines Berufslebens. Rente nennt man das auch. Aus vielen Ämtern wird er dann ausscheiden. Im Betriebsrat ist er, im Aufsichtsrat, im Gesamt- und im Konzernbetriebsrat ebenfalls. Die Interessen seiner Kolleginnen und Kollegen vertreten: Das hat ihn geprägt.

Über ein Vierteljahrhundert ist er nun bei der Firma Logwin Air & Ocean in Aschaffenburg beschäftigt. Die hießen früher anders: Erst Birkart, dann Thiel, jetzt Logwin. Seit 1977 arbeitet er hier. Sehr viel hat sich in dieser Zeit geändert. In seinem Job und beim Arbeitgeber natürlich, aber auch bei ihm persönlich.

Wir trafen Günther Pfirrmann zum Gespräch in Seehausen am Staffelsee. An einem schönen Mai-Tag sitzen wir im kleineren der beiden Besprechungsräume des ifb. Draußen vor der Glastür lärmt die hauseigene Baustelle. Männer mit bunten Helmen und Warnwesten laufen herum, schauen neugierig herein. Pfirrmann lächelt. Schutzbekleidung, Sicherheit: Mit diesem Thema kennt er sich aus. Die Logwin ist ein großes Logistikunternehmen: Luftfracht, Seefracht, individuelle Fracht. Schon viele Jahre ist er hier für die Luftsicherheit verantwortlich. „Seit den Terroranschlägen des 11. Septembers ist Sicherheit das ganz große Thema. 2006 gab es neue EU-Verordnungen. Da hat sich enorm viel getan.

Dabei fing 1977 alles ganz anders an. Er kam von der Bundeswehr, lernte Bürokaufmann, ist staatlich geprüfter Betriebswirt. Am liebsten wollte er für eine Bank arbeiten. Dann erzählte ihm ein Freund, dass sie in seinem Betrieb einstellen würden. Gute Arbeit sei das. Pfirrmann bewarb sich und hatte Erfolg. Zuerst arbeitete er für Birkart als Speditionskaufmann, dann als Controller für Luftfracht, schließlich errichtete er ein QM-System (Qualitätsmanagement). Seit vielen Jahren kümmert er sich um Zertifizierungen.

Er erzählt Details aus seinem Beruf, ganz viel habe sich da bei Fracht und Logistik geändert. Und dann kommt er auf das Thema Betriebsrat. Es liegt ihm am Herzen. Wie es anfing und wie lange er schon in den Gremien dabei ist. Es sind intensive Geschichten aus 30 Jahren betrieblicher Interessenvertretung. Es gab kritische und persönlich schwierige Auseinandersetzungen mit den Inhabern. Das war zu Zeiten, als man sich in manchen Chefetagen noch langsam an die Themen Betriebsrat und Mitbestimmung gewöhnen musste. Das ist heute in bestimmten Branchen nicht anders.

Schnell ist er bei den positiven Dingen. Und erzählt begeistert von zwei Betriebsvereinbarungen, die er schon vor längerer Zeit mitverhandelt habe. Bis heute seien die noch gültig. Bei der einen gehe es um Jahressonderzahlungen, bei der anderen um Flexibilisierung von Arbeitszeit. Der ganze Betrieb profitiere davon, bis heute. Das sei richtig gut gelaufen damals und er habe die BVs immer wie seinen eigenen Augapfel gehütet.

Schließlich reden wir darüber, was uns beide verbindet, ihn und das ifb: Natürlich, es sind die Seminare. Über 30 Schulungen hat er als Betriebsrat absolviert. Der gebürtige Unterfranke bringt es auf den Punkt: „Mein Steckenpferd ist die Kommunikation. Dabei haben mir Eure Spezial-Seminare so geholfen. Ich entwickelte ein paar Fähigkeiten, die ich für unsere Belegschaft super einsetzen konnte.

Früher etwa, da wollte er bei Verhandlungen mit der Geschäftsleitung gerne mit dem Kopf durch die Wand. Meistens ging das schief. „Ich hab schnell gemerkt, worauf es ankommt: Auf so was wie Diplomatie etwa. Nur ham‘ mir des im Spessart halt net unbedingt so, des mit dera Diplomatie“ fränkelt er und schmunzelt dabei.

Dabei gebe es oft mehrere Wege zum Ziel. Geduld war früher nicht seine Stärke. „Was diese soft skills angeht, so nennt man das heute, da hab ich mich schon ein wenig weiter entwickelt.“ Kollegen bestätigen ihm, wie ruhig und sachlich er bleiben kann, wenn es darauf ankommt. „Früher, da hat man mich kaum verstanden, allein schon, weil sich meine Stimme beim Reden vor Aufregung  überschlagen hat.“ Heute sei das anders. Da macht er sich schon mal einen Spaß, wenn jemand aus dem Vorstand zu ihm kommt und öffnet demonstrativ seinen Aktenschrank mit den 30 ifb-Seminarordnern. „Das ist es, was ich Visualisierung nenne“ lacht er. Nicht sehr subtil, aber sympathisch und selbstbewusst.

Die Rhetorik- und Kommunikationsseminare des ifb waren Grundlage seiner Professionalisierung. Und stolz erzählt er: „Vor einiger Zeit meinte ein Kollege zu mir, es sei schon super, wie ruhig und diplomatisch ich mit den Herren im Vorstand diskutiere, er könne da manchmal nicht so sachlich bleiben.“ Das tue natürlich gut, meint er, wenn andere das so wahrnehmen.

Dennoch: Bald kommt der Abschied vom Arbeitsleben und von der betrieblichen Interessenvertretung. Ist schon die Zeit für einen Rückblick da? Pfirrmann schüttelt den Kopf: „Ach, das wird halt anders werden, wenn ich nicht mehr da bin. Für mich ist jetzt am Wichtigsten, den Übergang im Gremium optimal zu gestalten. Wir sind tolles Team und besprechen intern schon ganz genau, wie wir das strategisch gestalten wollen.

Die ganze Zeit über merkt man, wie viel Freude ihm das Arbeiten macht: Sein Beruf als Logistiker, sein Engagement als Interessenvertreter. Man spürt Leidenschaft und Spaß. Im Herbst wird er 65 Jahre alt. Dann ist es soweit: Ruhestand. Im Aufsichtsrat wird er noch etwas länger bleiben. Bis zum nächsten Frühjahr, wenn Neuwahlen anstehen. Dies alles erzählt Günther Pfirrmann in großer Ruhe und gleichzeitig voller Begeisterung. Er scheint seine innere Zufriedenheit gefunden zu haben. Aus dem Gleichgewicht wird ihn nichts so schnell bringen. Beneidenswert!

Bildquelle: © Günther Pfirrmann privat

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